(or the preservation and
seduction of a born)

online exhibition

Auszüge aus der kommenden Publikation
geschrieben von Gernot Thiele


Tim Thomczyks Bildfelder besitzen den Schein von Oberflächentiefen. Übereinanderliegende Schichten bilden sich zusammen – wie ein Herausscheinendes. Es stellt sich die Frage, ob man in den Arbeiten entweder eine Formwerdung oder eine Formüberwindung anstrebt. Ob man Figurationen als Andeutungen oder als Reste von Figurationen lesen soll, oder ob sie in einem All-over verschwimmen sollen, was dann ein Verschwinden wäre. Übermalungen bieten Tim Thomczyk die Möglichkeit, in den Prozess einzugreifen, ohne ihn aufzugeben oder abzuschließen. Die Übermalungen sind Korrektive, die Musterbildungen und Bildungen von Figurationen entgegenwirken sollen. Sich ausbildende Blasen und Strömungen bleiben als Formen typenhaft, sie individualisieren sich nicht.

In den Turmbilderkästen nimmt die Malerei einen Ort am Ding ein. Das Bild ist Teil einer Objektsituation im Raum geworden. Die Objektsituation ist hier, der Raum ist hier, sobald ich den Raum auf der Bühne betrete. Der Kasten zeigt Leere, das Bild auf dem Kasten zeigt ein hell farbig flimmerndes Bildfeld. Man könnte versucht sein, in dem orangefarbenen Ton der Bilder ein Inkarnierungsmotiv zu lesen, - Metapher für den Werdeprozess der Bilder. Die Bildwerdung von den biologischen Formen des Rhizoms bis zur Aufwendung des Bildes als Bildobjekt. Bis zu den Übermalungen, bis zu den reliefartigen Oberflächen, die wie eingeschmolzen wirken.

Tim Thomczyk hat sich entschieden, für seine Bildgruppe das All-over nicht als alleinige Gestaltungsform anzuerkennen, sondern eine Flächenstaffelung einzuführen. Die Blasen, Strömungen und Strudel erzeugen eine Angespanntheit. Das Bild fordert Einschränkungen seines Bildfeldes. Teile des Bildfeldes werden übermalt. Geometrische Flächen liegen jetzt überdeckend auf den bestehenden Figurationen. Es entstehen Durchsichten und Verdeckungen, neue Flächenformen, eine neue Ordnung innerhalb des Bildfeldes, eine Silhouettierung innerhalb der Flächengestalt. Es ist eine Entzerrung, eine Dekonstruktion des bisher Gewährten.

In der shaped canvas Form, in der einzelne Gemälde zu je einer Zweiergruppe zusammengesetzt sind, treten die Bilder objekthaft hervor. Das Bild wird das zusammengesetzte Bild. Hier vollzieht sich die Aufhebung der Trennung von Bild und Bildträger – Bild und Bildträger werden eine Einheit. Die shaped canvas Form betont die Objekthaftigkeit des Gemäldes.

Insgesamt bleibt den Bildern der Kartencharakter erhalten, wie er schon bei der sichtbar /nahbar Gruppe eingeführt worden war. Diese Karten erzeugen vor allem in ihren Ensembles den Eindruck einer zeitlosen Gleichzeitigkeit, die sich in einer ihr eigenen Dimension ausbreitet, um sich zu bewahren.

Die weiß umfangenden Linien in den All-over Texturen treten in einer Form von Strömungen hervor. Die Farben wirken in unterschiedlicher Weise jeweils sowohl zurücktretend wie auch nach vorne. Die Malerei erzeugt hier eine Wirkung von gleichzeitiger Ferne und Nähe.

Es bleibt die Helle in den Farben des All-over, es bleibt die Helle des Weiß. Farben und Weiß steigern sich in ihrer Leuchtkraft gegenseitig. Das Weiß und die darunter liegenden Bildschichten wirken zusammen in der Oberflächenstruktur reliefartig. Das Weiß in seiner geometrischen Silhouette wird malerisch. Als wäre es von einem Sommer genommen, als wäre es von einem Vorfrühling genommen - land oh honey.

Fotos: Marina Kiga
Text: Gernot Thiele
Arbeiten & Konzept: Tim Thomczyk